©Letitia Gaba

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L.Gaba, Stoffassemblage, Skizze, 2016

 

Verkehrte Stärke im verkehrten System

Das ist meine Großmutter im Alter von 17 Jahren mit ihrem ersten Kind und ihrem Ehemann. Das Bild wurde von Felicia – ihrem sechsten Kind und späteren Art-Brut-Künstlerin (http://feliciamarinca.blogspot.com/) – überzeichnet. Meine Großmutter bekam insgesamt zwölf Kinder; ihr erstes direkt nach der Heirat im Alter von 16 Jahren.

Meine Mutter war das zwölfte und letzte Kind einer ungewollt und viel zu früh Mutter gewordenen Frau. Sie wurde von ihrem Mann sehr oft – und bestimmt nicht immer im beiderseitigen Einverständnis – geschwängert. Wie die meisten Frauen in einem damaligen Herrschaftssystem war sie dem von Regierung und Kirche verankerten Recht des Mannes auf meist ungeschützten Sex ausgesetzt. Ein Recht, das primär dazu diente, Kinder zu zeugen – Kinder, die die Frau austragen und um die sie sich ein Leben lang meist alleine kümmern musste. Dies führte dazu, dass ihr keine andere Wahl blieb, als die Kinder zu versorgen und den Haushalt zu führen. Meine Großmutter wollte eigentlich keine Kinder, zumindest nicht so früh und nicht so viele. Sie wollte lernen, genau wie ihr Mann studieren, Sprachen lernen und die Welt bereisen. Das alles blieb ihr verwehrt. Sie war eine Frau unter Millionen ohne das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Eine von unzähligen Frauen, die ihre Wut über dieses unrechte Recht – Kinder gegen den eigenen Willen zu empfangen und sie unter großem Verzicht großzuziehen – auf die Kinder übertrug; sie waren ihr einziges Ventil. Ihr Mann tat letztlich nur das, was legal und erlaubt war und was Millionen andere Männer mit der Rückendeckung des unrechten Gesetzes und ihrer kirchlichen Verbündeten ebenfalls taten.

Meine Mutter war das jüngste Kind. Ihren Vater hat sie nicht mehr erlebt; er nahm sich kurz vor ihrer Geburt das Leben, nachdem er aus dem Krieg endlich nach Hause kehren durfte. Der Krieg und das System, das Kriege hervorbringt, hatten ihn endgültig gebrochen. Er war im Krieg vor allem als Architekt in Europa herumgekommen. Als Rumäne musste er im deutsch-rumänischen Bündnis auf Seiten Deutschlands kämpfen und seine Frau und Kinder über Jahre hinweg allein lassen. Abgesehen von wenigen, viertägigen Heimaturlauben, in denen er sie schwängerte, sah meine Großmutter ihn nicht. Sie zog die Kinder allein auf – die meiste Zeit ohne finanzielle Unterstützung. Die Kinder mussten schon früh arbeiten, um für Essen und ein wenig Geld zu sorgen.

Mein Großvater erlebte das Leid, das Männer sich gegenseitig in Kriegen antun, sowie das Elend, das Millionen von Frauen, Kindern und den ihm am nächsten stehenden Menschen damit zugefügt wurde. Hat er auch das Ausmaß an Elend begriffen, das Millionen von Frauen durch diese systematische Menschenzucht erlitten haben? Hat er begriffen, welche Katastrophen die Menschen im Zweiten Weltkrieg und in all den unzähligen Kriegen davor und danach verursacht haben? Vielleicht hat er das. Denn bevor er seinem Leben ein Ende setzte, tötete er noch einen Mann mit mehreren Faustschlägen, der seine Ehefrau auf der Dorfstraße verprügelte. Vielleicht geschah dies in der Erkenntnis, welche katastrophalen Ausmaße und Folgen toxische Männlichkeit erzeugen kann – gegen das Leben selbst, gegen diejenigen, die das Leben austragen, gebären und großziehen, und letztlich gegen die Menschen und sich selbst.

Die Frau ist verantwortlich für das neugeborene Leben, da es ihr Körper ist, der neues Leben hervorbrigen kann: Ihr hat die Natur das Schenken neuen Lebens anvertraut. Wenn man ihr dieses Recht mit Gewalt und per Gesetz wegnimmt, liegt es eigentlich nicht mehr in ihrer Verantwortung, was danach mit diesem Leben geschieht. Aber wer trägt dann die Verantwortung? Ein toxisches Herrschaftssystem beinhaltet keine Verantwortung. Erst wenn die Frau aufwachen kann und wenn sie als Mädchen nicht mehr diskriminiert und unterdrückt wird, kann sie später als Frau und Mutter ihre Verantwortung wieder voll annehmen. Dann wird auch ihr Sohn, der spätere Mann, lernen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Dieses Foto zeigt meine Großmutter mit ihrem ersten Kind und meinem Großvater, dessen Gesicht von meiner Künstlertante Felicia Marinca (einer Outsider-Art-Künstlerin) überzeichnet wurde. Sie kratzte sein Gesicht weg und zeichnete stattdessen den viel zu großen Kopf einer freundlichen Person, die einem Kind ähnelt. Es ist das Kind einer weiteren traurigen Mutter – ein Vater, der ein Kind geblieben ist, emotional unreif und gebrochen. Felicia ahnte instinktiv, wer er innerlich war und wer letztendlich die Verantwortung für ihre eigene traurige, verpfuschte Kindheit und Jugend sowie die ihrer Geschwister trug.

 

Literatur & YouTube

- Claudia von Werlhof, Die Verkehrung: Das Projekt des Patriarchats und das Gender-Dilemma Taschenbuch – 1. Oktober 2011 / Die-Verkehrung

- Nina Novak, Entpatriarchose: youtube.com

- Und: entpatriarchose.de